Minnesang und Harfenklang

Der Barde Holger Schäfer verzauberte seine Zuhörer mit Minnesang und Geschichten aus alter Zeit

 

LABOE. Aus Not wurde Tugend: Wegen einer Erkrankung des Sängers Ralf Popken mussten das geplante gemeinsame Programm Tristan und Isolde ausfallen und sein Gesangspartner den Abend alleine bestreiten. Der herbstlichstimmungsvoll geschmückte Saal des Hofes Wiese in Laboe, ein heimeliger Geruch nach Holzfeuer und draußen ein herrlich nasswindiges Novemberwetter – dies alles ein Ambiente, so recht dazu angetan, sich zwischen uraltem Gebälk in die Welt des mittelalterlichen Minnesangs entführen und von ihr verzaubern zu lassen. Dem dies trefflich gelang, war der Barde und Geschichtenerzähler Holger Schäfer, der als Interpret der mittelalterlichen Lyrik bereits zahlreiche Preise gewonnen hat. Nach seinem Studium der Alten Musik und ihrer zeitgenössischen Instrumente verschrieb sich Holger Schäfer ganz seiner besonderen Leidenschaft: dem Gesang zur keltischen Harfe und dem Erzählen von Märchen und Mythen. Er zeigte sich zudem als ausgewiesener Kenner des Mittelalters, einer Epoche spannender Gegensätze. Geschickt wusste er zu vermitteln, wie die viel beschworene Minne mit ihrer Bedeutungsvielfalt idealistisch-hehrer Werte wie Tugend, Freundschaft, Ehrerbietung und Verzicht sich gleichzeitig über konventionelle moralische Werte hinwegsetzt und vom Reiz des Heimlichen, Verbotenen lebt. Diesen Gegensatz belegte auch im Formellen sein zugleich kraftvoller und zarter Vortrag. Mit angenehm volltönendem Tenor und wechselweise in neuhochdeutscher Übersetzung und sprachgewaltig- starkvokaligen Rezitativen in Mittelhochdeutsch sang und sagte er von solcher Minne. Doch nicht nur von ihr: Nach Art der Troubadoure unterhielt er mit Weisen voller symbolischer Anspielungen wie etwa der Klage vom Falkner über seinen ungetreuen Falken, mit von Abschied und Verlust kündenden Elegien oder bildgewaltigen Naturbetrachtungen, die es, entsprechend interpretiert, in Tempo und Sprachoriginalität mit der Dynamik eines modernen Rap aufzunehmen vermögen. Schäfer ermunterte seine Laboer Gäste zum Mitsingen und Mitrezitieren, eine Einladung, der das Publikum gerne folgte. Über zwei Stunden lang überbrückte Schäfer mühelos 800 Jahre und schenkte seinen Zuhörern einen Abend, wie er schon im 13. Jahrhundert möglich gewesen sein könnte.  Von Kristin Lange

Quelle: Kieler Nachrichten

 

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