Eher Gedenkstätte als Ehrenmal

Rüdiger Abel, Michael Seewald und Frank Abel aus Hameln empfinden die unterirdische Gedenkhalle des Ehrenmals als besonders bedrückend: "Junge Menschen wurden einfach in den Krieg geschickt. ob sie wollten oder nicht."

 

LABOE. Das Marine-Ehrenmal in Laboe ist wegen seiner Weitsicht auf die Kieler Förde besonders für Touristen ein beliebtes Ziel. Dabei hat der Turm, dessen Grundstein 1927 vom Düsseldorfer Architekten Gustav August Munzer gelegt wurde, noch viel mehr zu bieten. Eine wechselhafte Geschichte nämlich – mit positivem Ausgang. Es ist Freitagmorgen. Kalt und diesig. Der Historiker Jann Witt vom Deutschen Marinebund wartet vor dem geschlossenen Kassenhäuschen am Fuß des Ehrenmals auf die ersten angemeldeten Besucher des Tages. Eine deutsche Schulklasse mit estnischen Austauschschülern hat eine englischsprachige Führung gebucht. „Es ist uns wichtig, mit den jungen Leuten über die unterschiedlichen Sichtweisen auf dieses Bauwerk offen ins Gespräch zu kommen“, sagt Witt. Das Laboer Ehrenmal sei eben auch ein Mahnmal, an dem die Bedeutung von Krieg und seinen Folgen sowie die selbstkritische Auseinandersetzung mit der deutschen Vergangenheit hervortreten. „Die Zeitzeugen-Generation stirbt langsam aus. Das Ehrenmal als ein Ort der Selbstvergewisserung ist für unsere Aufklärungsarbeit enorm wichtig.“ Was ist mit dem imposanten Bauwerk geschehen, das heute nicht nur als Aussichtsplattform genutzt wird, sondern seit Jahrzehnten als eine Art Wahrzeichen der Kieler Förde weithin sichtbar ist? Als das Ehrenmal mit seinem 72 Meter hohen Turm nach beinahe zehn Jahre dauernden Bauarbeiten am 30. Mai 1936 mit einem Staatsakt eingeweiht wurde, diente es einerseits dem Gedenken der auf See verbliebenen Soldaten, andererseits dem Geist der Rache nach einem verlorenen Weltkrieg. „Für deutsche Seemannsehr’, für Deutschlands schwimmende Wehr, für beider Wiederkehr“, lautete die Widmung, die der damalige Ehrenpräsident des Bundes Deutscher Marinevereine, Admiral a.D. Reinhard Scheer, sprach. Erst nach dem Zweiten Weltkrieg änderte sich allmählich die Einstellung: Die Widmung wurde dem „Gedenken aller toten deutschen Seefahrer beider Weltkriege und unserer toten Gegner“ umgeschrieben. „Das Bauwerk hat sich von einem nationalistischen Heldendenkmal zu einer internationalen Gedenkstätte gewandelt“, so Jann Witt. Der Deutsche Marinebund als Besitzer des Ehrenmals bekennt sich zur wechselhaften Geschichte. Unter anderem in einer Dauerausstellung des Historikers, „die so vor 30 Jahren nicht möglich gewesen wäre“. Dort schlendern am Freitagmorgen nur wenige Touristen herum. Die Schüler verspäten sich um zwei Stunden. „Ich finde es sehr bedrückend, dass junge Menschen in den Krieg geschickt wurden. Ob sie wollten oder nicht“, erklären Rüdiger und Frank Abel sowie Michael Seewald aus Hameln. Das Ehrenmal beeindruckt die drei Urlauber mit seiner „gigantischen Bauweise“. Anja und Steffen Bauer aus Brandenburg sind mit ihren Kindern Lukas (16) und Leon (12) gekommen, um sie über die deutsche Vergangenheit aufzuklären – und auch über die eigene. „Ein Opa unserer Familie steht in den Büchern der Gefallenen“, erzählt Anja. Aber sie wollen auch „nach oben“. Die Aussicht genießen. Die 341 Stufen bis auf die Aussichtsplattform geht Historiker Jann Witt selten. Sein persönlicher Ort ist die unterirdische Gedenkhalle, in der sich die Besucher wie am Meeresgrund fühlen können. Ringsum reihen sich internationale Flaggen, auch die russische. „Gedenken hat nichts mit Politik zu tun“, erklärt Witt angesichts der aktuellen Schwierigkeiten. Die gemeinsame Trauer sei ein Mittel zur Völkerverständigung und verdeutliche, wie wichtig der Frieden ist. Gerade in der heutigen Zeit: „Leid kennt keine Nationen.“ Von Nadine Schättler 

Aufklärungsarbeit in unterschiedlichen Formen 

Seit seiner Erbauung sorgte das Laboer Ehrenmal für Spannungen. Das Nazi-Regime nutzte es für Propaganda- Zwecke und auch in der Nachkriegszeit diente es noch als Pilgerstätte für „Unverbesserliche“. Erst mit der Neugründung des Deutschen Marinebunds (1952), dem die Briten zwei Jahre später das Ehrenmal offiziell übergaben, kam es zu einem Bedeutungswandel. Die neue Generation des Marinebundes distanzierte sich vom rechten Gedankengut. In der letzten Umwidmung 1996 heißt es „Gedenkstätte für die auf See Gebliebenen aller Nationen. Mahnmal für eine friedliche Seefahrt auf freien Meeren“. Heute leistet der Deutsche Marinebund Aufklärungsarbeit in unterschiedlichen Formen. Neben Führungen gibt es auch Rallyes für verschiedene Altersstufen sowie spezielles Infomaterial für Schüler und Lehrer, das auf www.deutscher-marinebund. de im Internet heruntergeladen werden kann. nsc 

Quelle: Kieler Nachrichten

 

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