"Der Urlauber will bei uns Sand sehen"

Asphalt, wo früher Strandsand war: Schönbergs Bürgermeister Peter Kokocinski (links) zeigt mit seinem Laboer Amtskollegen Marc Wenzel die Auswirkungen des Sturms an seinem Strand.

Welche Gedanken macht man sich als Bürgermeister, bevor man einen Zustand öffentlich als „katastrophal“ bezeichnet, Herr Kokocinski? Peter Kokocinski: Die Sandverluste, die wir jetzt erlitten haben, sind wesentlich höher als vor zwei Jahren bei Axel. Wir haben Sandverluste erlitten, durch die von unseren 25 Buhnenfeldern nahezu alle blank dastehen. Das ist etwas, was der Urlauber nicht erwartet. Der will Strand sehen und Sand haben – und keine Betonflächen. Deswegen sagte ich, das ist aus touristischer Sichtkatastrophal. Marc Wenzel: Wiederkehrende Hochwasserlagen sind unseren beiden Gemeinden bekannt. Und doch haben wir uns nach und nach zu touristischen Hochburgen an der Ostseeentwickelt. Der Zustrom von Menschen, die bei uns Urlaubmachen wollen, steigt stetig. Also müssen wir diesen Menschen auch ein attraktives Programmbieten. Und wenn man an der See wohnt, gehört da einfach Strand dazu. Das ist eine zwingende Voraussetzung. Kokocinski: Wir haben alleinnach Axel mehr als 18 000 Kubikmeter Sand aufgeschüttet, nachdem wir einen Gesamtverlustüber 21 000 Kubikmeter hatten. Das hat 320 000 Eurogekostet, 320 000 Euro! Zum Glück gab es damals Zuschüsse. Aber wenn man jetzt die Sandverluste von knapp 34 000 Kubikmetern sieht und die Preise vom letzten Jahraufrechnet, dann kommt man auf eine Summe von fast700 000 Euro. Das ist für eine kleine Gemeinde mit 6400 Einwohnern finanziell nicht zu wuppen. Ist diese Saison denn überhaupt noch zu retten? Kokocinski: Wir werden nicht alle Strände reparieren können. Am Freistrand werde ichdieses Jahr nichts machen können. Entscheidend sind die Abschnitte mit Kurabgabepflicht. Dort müssen wir die Strände so wieder herstellen, dass die Touristen Verständnishaben für die Situation. Dafür werden wir auch Flyer erstellen, damit die Urlauber wissen, welche Auswirkungen Winterstürme auf eine Küstenregion wie unsere haben. Wenzel: In Laboe werden wir den zerstörten Teil, also den Strandabschnitt zwischen Schwimmhalle und Ehrenmal, dieses Jahr erst mal so belassen. Weil wir in gewisser Weisedarauf spekulieren, dass wir zu einer größeren Lösung kommen. Was meinen Sie mit größerer Lösung? Wenzel: Wenn man sagt, man möchte das Land Schleswig-Holstein zu einem Tourismusmagneten ausbauen, dann müssen aus diesem Tourismuskonzept auch Gelder bereitgestellt werden, damit wir die Infrastrukturbieten können. Wenn die Touristenzahlen steigen, arbeiten wir als Gemeinden auch daran. Kokocinski: Man muss sich Gedankenmachen, wie unsere Küste langfristig geschützt werden kann – und hier ist das Land eminent wichtig. Denn ein Großteil unserer Wirtschaft ist auf den Tourismus ausgelegt. Viele Geschäfte, die wir hier in Schönberg oder in Laboe haben, in den Dörfern drum herum, leben vom Sommergeschäft. Wenn die Urlauberwegbleiben, ist das fatal für die gesamte Region. Und das beginnt schon in diesem Sommer: Wir müssen schnellstmöglich diese und nächste Saison retten. Das, was wir in diesem Jahr reparieren können, reparieren, und im Folgejahr weiter daran arbeiten, damit der Strand in etwa so ist, wie die Urlauber ihn erwarten. Sonst kommen sie nicht wieder. Das wäre ein wirtschaftlicher Schaden, den man sich nicht vorstellen kann. Gibt es denn für ein langfristiges Konzept mit Kreis und Landschon Gespräche? Etwa mit Tourismusminister Bernd Buchholz? Kokocinski: Nein, er ist herzlich eingeladen, hierher zukommen. Bislang läuft es noch über einige Landtagsabgeordnete. Ich führe mit dem Amt für Küstenschutz, eine Behörde des Umweltministeriums, schon seit letztem Jahr Gespräche. Die sind für den Deichzuständig und müssen allesgenehmigen, was wir machen wollen. Aktuell gibt es aber keine Rückmeldungen von der Regierung. Ich habe in Ihrer Zeitung gelesen, dass Staatssekretär Geerdts in Lippe gewesen ist. Die Minister sind herzlich eingeladen, sich die Lage hier vor Ort mit uns anzuschauen und zu diskutieren –nicht nur über ihre Abteilungsleiter zu kommunizieren, sondern sich selbst ein Bild zu machen. Wenzel: Minister Buchholzfreut sich, dass die Zahlen der Urlauber steigen. Das hat aber einen Grund: Das liegt an dem touristischen Angebot, das wir machen. Nun ist es sehr wahrscheinlich, dass diese Schäden die bisher stets steigenden Touristenzahlen beeinflussen werden. Natürlich nicht in der Vorbuchung. Aber wer jetzt auf Beton Sandburgen bauen muss, der kommt nächstes Jahr nicht wieder. Zu einem Urlaub in Schleswig-Holsteingehören eben Strandtage. Gemeinden, die diesen Strandzugang bieten, haben eine Magnetwirkung auch auf Tagesurlauberaus dem Plöner Raum oder aus Kiel. E-Bikes und all das, was man an touristischer Infrastruktur so anbietet, ist super – aber es muss immer der Strand da sein, denn sonst kommen die Urlauber erst gar nicht. Kokocinski: Das ist also kein Problem der Gemeinden Schönberg und Laboe, sondern ein Problem für die Gesamtregion. Denn wir sind auch Naherholungsgebiet für Städter. Und wenn wir keinen Strand mehr haben, steigen die Urlauber wieder in den Flieger und wir haben eine ganz andere CO2-Bilanz. Unsere Strände sind mit Bus und Bahn zu erreichen. Wenzel: Auf der einen Seite haben wir den Küstenschutz, also den Schutz der Menschen, die hinter dem Deich wohnen, auf der anderen Seite die touristische Infrastruktur. Wenn der Strand weg ist, sind die Menschen, die dahinter wohnen, zum Glück nicht gefährdet, aber es kommen keine Touristen. Das Land muss sich die Frage stellen, ob Strandurlaub Teil des touristischen Angebots von Schleswig-Holstein ist, und wenn er das ist, wie stellt man sicher, dass das auch langfristig funktioniert? Da kann es nicht sein, dass der Strand in einem Jahr da ist und im nächsten wieder weg .Kokocinski: In Sylt funktioniertes ja auch. Dort schüttet man ja auch Sand auf – was vom Landbezahlt wird, und nicht von der Insel allein. Fühlen Sie sich verglichen mit Sylt von der Politik benachteiligt? Kokocinski: Mir geht es darum, dass die Wertschätzung, die die Ostseeküste verdient, ihr gegenüber auch gezeigt wird. Ich finde, die Ostsee müsste mindestens genauso unterstützt werden. Es ist auch im Sinne der Landesregierung, ihren Ostseebädern entsprechende Unterstützung zu bieten. Denn auch Schleswig-Holstein steht im Wettbewerb mit Niedersachsen und Mecklenburg-Vorpommern. Was fordern Sie konkret? Kokocinski: Wir brauchen eine kurzfristige Zusage für finanzielle Unterstützung. Die muss am Beispiel des Kreises Plön doppelt so hoch ausfallen wie damals bei Axel. Die 500 000Euro, die der Kreisausschussjetzt beschlossen hat, sind entscheidend, weil die der Landespolitikdeutlich machen, dass die Kreispolitik vor Ortbereit ist, Verantwortung zu übernehmen. Denn wir können nicht warten. Wir müssen dieses Jahr den Strand reparieren, und dafür brauche ich Signale, damit ich weiß, welches finanzielle Risiko ich eingehe. In einem zweiten Schrittbrauchen wir ein Engagement des Landes für mittel- und langfristige Lösungen: Wie kann man solche Schäden vermeiden oder zumindest erheblich reduzieren? Wir brauchen Schutzmaßnahmen, die sicherstellen, dass unsere Strände solchen Stürmen nicht mehr so ausgeliefert sind, wie es in diesem Jahr gewesen ist. Wenzel: Es ist bei uns genau wie in Schönberg auch die Frage der Nachhaltigkeit: Jedes Jahr 200 000 oder 300 000 Euro für Spülmaßnahmen auszugeben, nur um Strand überhauptbereit zu stellen – das können sich die Gemeinden nicht leisten. Es muss über die gesamte Ostseeküste entlang geguckt werden, und man muss sich vielleicht für einige Hotspots entscheiden, wo man Strandsicherstellt. Da muss sich der Urlauber immer sicher sein können, dass es da Strand gibt. Dafür brauchen wir ein gemeinsames Konzept mit dem Land. Denn die Natur arbeitet in diesem Fall gegen uns.Kokocinski: „Man muss sich Gedanken machen, wie unsere Küste langfristig geschützt werden kann. “Wenzel: „Wer jetzt auf Beton Sandburgen bauen muss, der kommt nächstes Jahr nicht wieder.“

Quelle: Kieler Nachrichten

Interview: Alev Dogan

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