Wo komme ich eigentlich her?

Jeden Monat trifft sich in Laboe der Stammtisch Familienforschung. Was treibt die Menschen an, die sich stundenlang mit Kirchenbüchern, Stammbäumen und Urkunden beschäftigen? Erika Friedrichs (Zweite von rechts) hat den Stammtisch 2017 gegründet.

LABOE. Einmal im Monat, immer montags, treffen sich in Laboe die Spurensucher und Ahnenforscher. Die, für die Familien nicht bei Vater, Mutter, Kind aufhören, sondern erst mit Urgroßvater und Ururgroßtante ein interessantes Format bekommen: der Stammtisch Familienforschung. „Alle, die wir hier am Tischsitzen, sind nicht miteinanderverwandt“, sagt Eckard Schöneich, und alle am Tisch halten kurz die Luft an. „Es sei denn, wir würden lange genug zurückrechnen. “Und alle lachen– ein Witz unter Familienforschern. Rund 17 Menschen sind an diesem Montag in die Volkshochschule Laboe gekommen. In einem ihrer Räume, einem Zimmer, das ziemlich versteckt liegt, treffen sich die Familienforscher. Wer noch nie hier war, hat es schwer, diesen Raum ohne Hilfe zu finden. Es scheint wie ein Aufnahmeritual: Nur wer geduldig und hartnäckig genug ist, diesen Raum zu finden, ist auch geeignet für die Ahnenforschung. Beim ersten Treffen im neuen Jahr herrscht freundschaftliche Stimmung, man kennt sich. Die Frauen und Männer wünschen sich ein frohes Neues, manche kommen als Ehepaar im Doppelpack. Zeit für ein wenig Smalltalk. Der wird an diesem Abend in der ersten halben Stunde zwei Mal unterbrochen von Neulingen, die außer Atem in den Raum treten und fragen: „Bin ich hier beiden Familienforschern? “Da ist zum Beispiel Tina Johannsen. Die 50-Jährige ist an diesem Abend vom Rendsburg nach Laboe gefahren. „Ich war auf der Suche nach einem Stammtisch zum Thema Ahnenforschung“, erzählt sie. Den hat sie gefunden. Sie habe viele Unterlagen und Bilder von ihren Großeltern bekommen. Und dann gab es da noch die Fahrt in die Heimat ihres Vaters: Kaliningrad. „Als ich ein Kind war, haben wir Kaliningrad verlassen. Jetzt waren wir wieder da und sind wie Indiana Jones durch die Gegend gestiefelt“, erzählt Johannsen. Nun habe sie Unmengen an Material über ihre Familie zusammengetragen. „Ich bin hier, um zu schauen, wie ich das Material am besten präsentieren kann.“ Wie beginnt man am besten mit einem Stammbaum? „Dazu will ich mir Tipps holen. Man muss das Rad ja nicht neu erfinden. “Auch Hobbyhistorikerin Brigitte Reinert ist heute zum ersten Mal hier: „Ich würde gern wissen, wie ich aus meinen Daten am besten ein Stammbucherstelle. Ich komme mit den Programmen, die es dafür gibt, nicht weiter.“ Günther Aldag, der neben ihr sitzt, beruhigt sie: „Du wirst weiterkommen, Brigitte. “Noch während man sich fragt, wann der Begrüßungsteilabgeschlossen ist und der eigentliche Stammtisch beginnt, entstehen Grüppchen, ein Gewusel und eine Gesprächskulisse: Man bittet sich gegenseitig um Hilfe, sucht gemeinsam nach der Urgroßmutter im Kirchenbuch, probiert neue Programme zum Erstellen von Stammbäumen aus. Der Stammtisch ist eine einzige große Gruppenarbeit, die sich dem Projekt gewidmet hat: Wer bin ich und wo komme ich eigentlich her. „Herauszufinden, was das für Vorfahren gewesen sind, die man so hat, ist verhältnismäßig einfach“, erzählt Eckard Schöneich. „Schwierig ist es herauszufinden, was die Person gemacht hat, also welchen Beruf sie ausgeübt hat. “Kirchenbücher gehören zu den Quellen, aus denen die Familienforscher besonders viele Informationen ziehen. Doch so etwas wie der heilige Gral in Sachen Ahnenforschung sind Sterbeeintragungen: „Darin steht nicht nur, wann jemand geboren und gestorben ist, sondern auch, wann er beerdigt wurde, was er im Leben gemacht hat, welche Kinderund Kindeskinder er hatte“, so Schöneich. „Mit einem Mal hat man dann drei Generationen. “Der Stammtisch ist keine Selbsthilfegruppe, die sich nur um das Erforschen der jeweils eigenen Vorfahren dreht. Zu einem großen Teil betreibt er Heimatkunde. Man sollte nur gern knobeln.

Quelle: Kieler Nachrichten

Von Alev Dogan

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