Flucht bis auf die Bühne

Den Handlungsrahmen für das Theaterstück mit Flüchtlingen bildet eine TV-Show, die auf menschenverachtende Weise die Privatsphäre der "Kandidaten" an die Öffentlichkeit zerrt

Lutterbek/Laboe. Es ist etwa ein halbes Jahr her, dass Joachim Rathke aus Laboe für sein Integrationsprojekt „Theaterstück mit Geflüchteten“ die Förderzusage des Bundesinnenministeriums aus dem Programm „500 Landinitiativen“ erhalten hatte. Die Idee: Geflüchtete mithilfe des Theaterspielens mit Einheimischen zusammenzubringen und ihnen auf besondere Weise Gelegenheit zu geben, ihre Geschichten in die Öffentlichkeit zu tragen. Aus dieser Idee ist nun ein Stück geworden, das unter die Haut geht. Am Mittwoch, 9. Mai, 21 Uhr, ist „Überlebende am Strand“ zum ersten Mal im Lutterbeker zu sehen, zwei weitere Aufführungen folgen im September. Regisseur und Initiator Joachim Rathke sucht weitere Bühnen im ländlichen Raum, die Interesse an dem Stück haben. In der Mitte der Bühne steht ein Rettungsboot. Hereingeführt werden die „Kandidaten“ mit einem Tuch über dem Kopf, die Moderatorinnen reichen gekünstelt lächelnd Prosecco, die Mikrofone wechseln in schnellem Tempo von einem zum anderen. „Welches war ihr schlimmstes Erlebnis auf der Flucht? Wer es in den schillerndsten Farben schildert, gewinnt einen deutschen Pass. Und bitte...“ Der Zuschauer erlebt eine TV-Show, die ihn schaudern macht. „Es war anfangs gar nicht einfach, die Idee auch tatsächlich umzusetzen. Denn die Idee war geboren, doch es fanden sich nur sehr zögerlich Mitspieler“, erinnert sich Joachim Rathke. Er engagiert sich seit Beginn der Flüchtlingswelle in Laboe für die Integration der Geflüchteten. Unter anderem mit der Wanderausstellung „Gestrandet“ hat er für Aufsehen gesorgt. Schließlich fanden sich Mitte November dann doch 17 Frauen und Männer aus Jemen, Afghanistan, Eritrea, Syrien, Armenien und Deutschland zusammen, die gemeinsam ein Stück auf die Bühne bringen wollten. Aber es gab keine Idee welches, keine Regie, keinen Text – alles war offen. Ziel war: Es sollte um die Geschichte der Flüchtlinge gehen. „Wir haben in den ersten vier Wochen nur improvisiert, drehten uns aber nur noch im Kreis. Schließlich habe ich dann doch ein Stück geschrieben, in dem jeder seinen Text gelernt hat“, berichtet Rathke weiter. Und schnell sei dabei auch klar geworden, es würde ein skurriles Stück über eine menschenverachtende TV-Show werden, in der die Moderatoren in das Intimste ihrer „Kandidaten“ vordringen, um es in abstoßender Weise an die Öffentlichkeit zu zerren. Und so entstand der Rahmen: Zwei Moderatorinnen, acht Kandidaten, zwei Assistenten. Und in der Tat wird dem Zuschauer auf erschreckende Weise gezeigt, welche Oberflächlichkeit und Profitsucht sich in dieser Art Unterhaltung verbirgt. Es wird schnell deutlich, dass die Teilnehmer ihre wahre Geschichte und somit von Folter, Vergewaltigung, Todesangst und Demütigung erzählten. „Wir mussten auch berücksichtigen, was wir den Mitspielern zumuten können zu erzählen. Es waren sehr emotionale Proben, die teilweise auch abgebrochen werden mussten“, erläuterte Rathke. Er sei nun gespannt, wie das Publikum auf das Stück reagiert. Zusätzlich zur Aufführung in Lutterbek wird es am 16. September in der Alten Räucherei in Kiel sowie am 22. September auf dem Hof Wiese in Laboe zu sehen sein. „Wir würden uns freuen, wenn sich weitere Aufführungsmöglichkeiten im ländlichen Raum ergeben würden“, so Rathke.

Quelle: Kieler Nachrichten

 

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