Das Bullauge steht für die wohl größte Schiffskatastrophe

Das Bulley, das Marine-Historiker Jann Markus Witt zeigt, gehörte zum Truppentransporter "Wilhelm Gustloff", der im Januar 1945 versenkt wurde. Fotos: Astrid Schmidt

Das Marine-Ehrenmal des Deutschen Marinebundes in Laboe ist zwar kein klassisches Museum, sondern vorrangig eine Gedenkstätte der auf See gebliebenen Menschen aller Nationen und Mahnmal für eine friedliche Seefahrt. Dennoch ist in seiner ständigen Ausstellung in der 2010 neu konzipierten Historischen Halle auch ein Museumsstück zu sehen, das Original-Bullauge der „Wilhelm Gustloff“. Dieses 1937 als Passagierschiff für die Deutsche Arbeitsfront vom Stapel gelaufene und als Truppentransporter registrierte Schiff wurde kurz vor Kriegsende beschossen und versenkt. Das Bulley erinnert an die Todesopfer von damals.  Es ist der 30. Januar 1945. Die „Wilhelm Gustloff“ verlässt den Hafen von Gotenhafen, das heutige Gdynia. An Bord drängen sich mehr als 10 000 Flüchtlinge, Verwundete und Marineangehörige. Am gleichen Abend gegen 21.15 Uhr wird das Schiff von drei Torpedos des sowjetischen U-Boots S-13 getroffen und beginnt zu sinken. Das zum Geleitschutz der „Wilhelm Gustloff“ gehörende Torpedoboot „Löwe“ sowie das zu Hilfe geeilte Torpedoboot T36 bergen so viele Menschen wie möglich aus dem eiskalten Wasser der Ostsee, müssen aber schließlich ablaufen, um nicht selbst Opfer eines Angriffs zu werden. Auch der in der Nähe befindliche Schwere Kreuzer „Admiral Hipper“ mit 1500 Verwundeten an Bord muss wegen der U-Boot-Gefahr weiterfahren. Später bergen andere Schiffe noch rund 200 weitere Überlebende. Der Untergang der „Wilhelm Gustloff“ fordert mindestens 9000 Todesopfer; 1252 Menschen überleben die wohl größte Schifffahrtskatastrophe aller Zeiten. „Die Torpedierung ist juristisch kein Kriegsverbrechen, da die ,Wilhelm Gustloff’ als Truppentransporter laut Kriegsvölkerrecht als legitimes Angriffsziel gilt“, erklärte Dr. Jann Markus Witt, Historiker beim Deutschen Marinebund. „Das Wrack liegt bis heute in 42 Metern Tiefe auf dem Grund der Ostsee und gilt inzwischen als geschütztes Seekriegsgrab. Ende der 1980er Jahre hatte eine englische Taucherexpedition zwei Bullaugen der Gustloff heraus geschweißt. „Sie wurden vom Deutschen Zoll geschnappt und beschlagnahmt. Denn das Wrack ist laut Völkerrecht immer noch Eigentum der Bundesrepublik Deutschland“, so Witt weiter. Seitdem erinnert eines der beiden Bulleys in Laboe an die Menschen, die damals den Tod gefunden haben, das zweite ist im Deutschen Schifffahrtsmuseum in Bremerhaven zu sehen. Als die Historische Halle neu konzipiert und 2010 eröffnet wurde, habe man beschlossen, dieses Bulley als einziges museales Stück zu zeigen, so Witt.  Er war federführend an der Neugestaltung der ständigen Ausstellung beteiligt. Dem Thema „Flucht über die Ostsee“ und damit auch der Gustloff wurde ein eigener Raum gewidmet, was die besondere Bedeutung unterstreicht.  Auch ein Modell der „Wilhelm Gustloff“ ist zu sehen. Neben der Historischen Halle gibt es auf der Gesamtfläche des Ehrenmals von 5,7 Hektar noch jede Menge Informatives über zwei Weltkriege, die Kaiserliche und deutsche Marine und ihre Schiffe. Ebenso können Besucher die unterirdische Gedenkhalle für die Gefallenen beider Weltkriege auf See besuchen. Ein technisches Museum für sich ist das U-Boot am Strand des Ostseebades, das U 995. Wer den 85 Meter hohen Turm per Lift oder über die 341 Stufen erklimmt, kann außerdem die Sicht über die Kieler Förde genießen.  

Quelle: Kieler Nachrichten

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